MEINE ZWEI HERZENSORTE: MEDELLÍN UND PROVIDENCIA

Und hier ist er erschreckenderweise schon, der allerletzte Bericht aus der Ferne, bevor es wieder zurück in die Heimat geht:

 

Mitte Dezember reiste ich von Panama in mein geliebtes Kolumbien. Der letzte Abend in Panama war untermalt von einem alles in rosa tünchenden Sonnenuntergang und einem beachtlichen Riesenmond. Der Abschied schien also ein versöhnlicher zu werden. Aber dann erinnerte mich Panama doch nochmal an den wochenlangen Horror: am frühen Morgen auf dem Weg zum Flughafen schüttete es aus Eimern und ich ließ, dank der nicht ignorierbaren Regenakustik, die ganzen erlebten Wetterkapriolen gedanklich Revue passieren.

In Kolumbien anzukommen, war ein wenig, wie nach Hause kommen. Ich war so erfüllt mit Freude, dass ich am Airport von MEDELLÍN glatt meine Kreditkarte im ATM hab stecken lassen. Zum Glück machten mich die Leute hinter mir auf meinen Fauxpas aufmerksam. Das wär’s ja echt noch gewesen so kurz vor Schluss.

 

Medellín war mir wunderbar vertraut und das Wiedersehen mit den Besitzern meines Lieblingshostel so schön, nachdem wir bei unserem letzten Abschied noch dachten, dass wir uns vielleicht nie wieder begegnen werden werden. Die fünf Tage, die ich in Medellín verweilte, bin ich viel umhergelaufen, genoss das Gefühl einer Ortskundigen und bestaunte die opulente Weihnachtsbeleuchtung überall. In meiner Euphorie wollte ich es nach 13monatiger Abstinenz mit einem kleinen Shopping-Exzess wagen aber dieser missglückte kläglich, ich weiss nich mehr, wie man shoppen geht. Um so besser gelang mir das stundenlange Einkaufen im keine Wünsche offen lassenden Supermarkt. Mit vielen Leckereien und Kochzutaten eingedeckt, hab ich es mir gutgehen lassen, tauschte mich mit meinen Hostel-Amigos über ihre Expansionspläne aus und träumte mit ihnen davon, eines dieser neuen Hostels am Ort meiner Wahl zu managen. Und prompt sollte ich schlussendlich bzgl. meines möglichen Aussteiger-Ortes sogar noch fündig werden...

 

Am 20.12. ging es nach San Andres, wo mich mein Lieblings-Reisebuddy Janine bereits erwartete und wir uns, trotz Packesel-Style, in die Arme fielen. Uns beiden kam es überhaupt nicht so vor, dass unser letztes gemeinsames Abenteuer schon wieder 7 Monate her ist.  

 

Es ging dann direkt weiter mit ner Mini-Maschine (20-Sitzer) zu unserer Location für einen gemeinsamen 3wöchigen Karibik-Urlaub. PROVIDENCIA ist eine 18 qm kleine Insel mit 5.250 Einwohnern, die inglés creole, ein sehr abgehacktes Englisch sprechen. Die Insel gehört zu Kolumbien, obwohl sie 772 Kilometer vom kolumbianischen Festland und nur 180 Kilometer von Nicaragua entfernt ist.

 

Nach regnerischer Ankunft wurde unser persönlicher Abholservice direkt zu einem Stop am Supermarkt verdonnert, der deutlich mehr im Sortiment hatte, als von mir erwartet, deshalb wie eine reine Traumerfüllung erschien und auf der Einkaufsliste nix mehr übrig ließ.

 

Unser Bungalow lag auf einem kleinen grünen Hügel und leuchtete uns bunt entgegen. Nach dem Verstauen aller Lebensmittel machten wir es uns gemütlich auf dem 180Grad-Meerblick-Balkon und beschlossen sofort, die richtige Unterkunfts-Wahl getroffen zu haben. Die Besitzerin Clemencia und ihre 3 Hunde wurden gleich mit ins Herz geschlossen. Auf den ersten schönen Terrassen-Abend folgten zahlreiche weitere, mit unzähligen CubaLibres unterschiedlichen Mischungsverhältnisses und dementsprechendem Stimmungslevel -  mal chillig auf der Hängematte, mal singend und tanzend.

 

Vom Meer trennte uns nicht nur eine Strasse (selbst beim Duschen schaute man auf den großen Ozean), sondern leider auch ein Abhang. Somit mussten wir ein Stückchen Weg in Kauf nehmen für unser Beach-Vergnügen Doch die Distanz und Fortbewegungsmöglichkeiten zum Strand haben wir total unterschätzt und mussten öfter und länger laufen als uns manchmal lieb war. Die Locals fungieren mit ihren Mopeds gern als Taxi aber irgendwie war es anfangs für uns nicht so einfach, eines zu finden, da sie ihren Service nicht so offensiv anbieten, wie zB in Asien.

 

Am zweiten Tag klappte es dann aber zum ersten Mal mit dem Mototaxi und wir fuhren zu dritt auf dem Moped, was anfangs gewöhnungsbedürftig war aber irgendwann zur Routine wurde. Die Einheimischen sitzen nicht selten auch zu viert aufm Moped. Am Strand wurden wir gnadenlos von Sandfliegen aufgefressen, deren juckenden Stiche uns nächtelang vom Schlaf abhielten. Da waren die Mücken, die ebenfalls jeden Tag Party auf meinem Körpern feierten, nix dagegen. Aber dann war eh erstmal Strand-Zwangsstopp, denn pünktlich am 24.12. kam das Unwetter.

 

Der Regen war so ausgiebig, dass sich das neben unserem Bungalow ausgetrocknete Flussbett in einen reißenden Strom verwandelte. Und ich übertreibe nicht! Somit wurde auch nix aus unserem schön erdachten Fotomotiv: selbstgemachter Kartoffelsalat mit Würstchen vor blauem Himmel und türkisfarbenden Meer. Lecker war es trotzdem (so sehr, dass es Silvester nochmal den selben Festschmaus gab). Und gemütlich. Wir waren essens- und getränketechnisch ja glücklicherweise bestens ausgerüstet.

 

Leider machte mich das Wetter etwas unentspannt und wehleidig. Hätte ich die Garantie, dass es danach wieder sonnig wird, könnte ich das Gemütlichkeits-Klima auch genießen. Doch durch die Erfahrungen in Panama war ich ein wenig gebrandmarkt. Nicht nur das Wetter, sondern auch die unfassbar schnell verrinnende Zeit und der immer näher rückende Alltag machten mich wehmütig. Ich träumte sogar von der Arbeit und alles schlug mir im wahrsten Sinne auf den Magen, ich saß teilweise selbst nachts auf dem Klo und eine tagelang andauernde Appetitlosigkeit ließ die monatelang angefutterten Kilos purzeln. Zum Glück gab es dann hilfreiche Ablenkung, die mich den Alltag wieder völlig vergessen ließ aber dazu später mehr.

 

Nach grauen verregneten Weihnachtstagen ließ sich die Sonne glücklicherweise endlich blicken und ausgehungert, wie wir waren, verbrachten wir Stunden über Stunden, Tage über Tage am Strand. Dabei blieben wir aber ständig in Bewegung, denn immer mal wieder spuckte der heitere Himmel plötzlich heftige Regenschauer aus, um dann 10 Minuten später erneut im schönsten Blau zu erstrahlen. Die aufgrund des Regens immer wieder verschobene Schnorcheltour konnten wir dann doch noch machen im alten Jahr und in Providencias Unterwasserwelt abtauchen.

 

Zwischendurch wechselten wir die Unterkunft, da unser Bungalow sehr gefragt war und wir für eine Woche das Feld räumen mussten, bevor wir dann im neuen Jahr zurückkehren durften. Wir strandeten bei Hortencia und ihrer Familie, die extra ihr Haus räumten, um uns ganz viel Platz und Freiraum zu geben. Wir hatten also unser eigenes Haus und wohnten somit wie Locals. Und manchmal fühlten wir uns auch schon als solche. Denn während die meisten Touris nur ein paar Tage auf Providencia verbringen, kannten wir mittlerweile viele Einheimische und sie uns und so war es ein ständiges munteres Holá-Sagen, wenn wir unterwegs waren. I really love it!

 

Auch wenn wir nun den Dreh mit den Mototaxis etwas besser raus hatten, wollten wir doch unabhängig sein und mieteten uns nen Scooter. Da mein letztes Mal Rollerfahren genauso lange her ist, wie das letzte Zusammentreffen mit Janine, stellte ich mich etwas an beim Fahren aber Janine brachte uns profimässig an jeden Strand und um die ganze Insel.

 

Für den abendlichen Ausgleich vom Chillen und Sonnenbaden (und der Wehmütig- und Appetitlosigkeit) sorgt Providencias einzige Strandbar. Der Name “Rolands Bar” ließ einen wahrgewordenen deutschen Aussteigertraum vermuten. Stattdessen begrüßte uns ein leicht betagter und so richtig cooler caribbean Rasta-Guy. Die Reggae-Bar is DER place to be auf der Insel und DER Ort, an dem (Single-?)Locals und Touris aufeinander treffen.

 

Das man in Lateinamerika nie alleine tanzt, bin ich inzwischen gewohnt (und weiß noch gar nicht, wie ich dann wieder ganz auf mich allein gestellt auf der Tanzfläche meines Lieblingsclub in Berlin klar kommen soll) und auch der intensive Körperkontakt ist nicht mehr befremdlich. Also Augen zu, den Sand unter den Füßen fühlen und sich treiben lassen. Mit all dieser Leichtigkeit und intensiven Glücksgefühlen kommt man dem einen oder anderen nicht nur tanzend nahe… Dazu noch ein Sternenhimmel zum wahnsinnig werden, Sternschnuppen, Meeresrauschen… kitschiger geht es kaum. Und wenn man dann vom “Tanz”partner auf dem Moped eng umschlungen und Haare wehend nach Hause gefahren wird, fühlt man sich auf einmal wieder wie mit 17.

 

Zu Beginn des neuen Jahres trat plötzlich und für alle unerklärlich ein Gesetz in Kraft, welches den Barbetrieb am Strand nur noch bis 18 Uhr erlaubt. Zum Glück waren die Freundschaftsbande zu den locals längst geknüpft. Und so musste ich mich auch nicht ganz so einsam fühlen, als Janine mich nach den viel zu schnell vorbei gehenden drei Wochen verließ. Und mit ihr die Sonne. Geplant waren letzte ausgiebige Strandtage aber die fielen sowas von ins Wasser. Das Wetter war so mies, dass nicht mal die Touri-Boote zum Schnorcheln und Strandhopping rausfuhren. So hatten aber wenigstens die anderen Zeit, mir Gesellschaft zu leisten. Stundenlang haben wir über mein mögliches Leben auf der Insel philosophiert...

 

Ich fühl mich auf Providencia so wohl und willkommen, dass es schmerzt und mich happy macht zugleich. Diese Insel mit ihren wunderschönen schokobraunen Menschen und dem Caribbean Spirit nahm mich von Anfang an gefangen. Es ist nicht der schönste Ort, an dem ich war doch zum ersten Mal habe ich das Gefühl, genau hier eine Weile leben zu wollen. Aber vielleicht spielen die Gefühle auch einfach nur völlig verrückt, jetzt wo das Ende so greifbar ist.

 

 

Am Samstag ging es, begleitet von vielen Tränen, zurück nach Medellín. Das graue Regenwetter scheint mittlerweile an mir zu haften. Völlig untypisch für die Stadt des ewigen Frühlings hat sich die Sonne am Sonntag den ganzen Tag nicht sehen lassen und gestern nahm ich jeden Sonnenstrahl, der sich durch die Wolken zu mir durchkämpfte, dankbar in mich auf. So blieb Zeit für ein wenig Orgakram (hilfe, es geht wieder los mit den ToDos...), fürs Schreiben dieses Artikels und für meine Lieblingskolumbianer. Gestern überreichten sie mir als Abschiedsgeschenk ein Trikot der kolumbianischen Nationalmannschaft, welches ich, ohne das sie es wussten, unbedingt haben wollte. Dazu mich extrem berührende Zeilen. Oh gott, ich mag gar nicht daran denken, mich nachher von allen verabschieden zu müssen. 

 

 

Tja, chicas y chicos, das war’s… Heut Abend steige ich in den Flieger und dann geht’s nicht ins nächste Urlaubsparadies, sondern nach Hause...

 

Last but not least: ich hab die großartigste Schwester auf der ganzen Welt!!! Danke Gela für Alles, bis gleich! :)

 

 

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